Rückblick: Herborn 1987 – Tankzugunglück in der Innenstadt
Am 07.07.1987 gegen 20.43 fuhr ein aus Richtung Mantabaur kommender Tanklastzug, beladen mit 18.014 Liter Superbenzin, 10.019 Liter Normalbenzin und 6.032 Liter Dieselkraftstoff, vermutlich auf Grund versagender Bremsen mit zu hoher Geschwindigkeit und starker Schräglage in den Kreuzungsbereich Hauptstraße/Westerwaldstraße von Herborn ein. In Höhe eines Eiscafes kippte der Sattelzug um und rutschte noch etwa 20 Meter die Straße entlang, bis er unmittelbar vor einem Gebäude liegen blieb. Durch den Sturz auf ein den Bürgersteig von der Straße trennendes Eisengeländer platzte der Tankbehälter auf und die gesamte Ladung ergoss sich über die Straße in das benachbarte Eiscafe, in die Kanalisation sowie in die Straßeneinläufe für Oberflächenwasser. Der Treibstoff entzündet sich, mehreren Menschen in den umliegenden Gebäuden wird der Fluchtweg abgeschnitten. Auch noch in einer Entfernung von 700 Metern werden durch die Verpuffung im Abwassernetz Kanaldeckel in die Luft geschleudert.
Alarmierung und Ersteinsatz
Gegen 20.46 Uhr löst die Leitstelle in Dillenburg den ersten Alarm für die Feuerwehr Herborn aus. Als erstes Fahrzeug erreicht ein TLF 24/50 um 20.50 die Einsatzstelle und gibt eine erste Rückmeldung ab: „Tanklastzug liegt umgestürzt vor einer Eisdiele, Explosionen, Brennt Eisdiele und Destille, geben sie Großalarm“. Daraufhin wird Alarm für die Stützpunktfeuerwehr Dillenburg (ca. 8,5 km von Herborn entfernt) und für die freiwillige Feuerwehr des Stadtteils Burg ausgelöst. Mit und mit treffen weitere Fahrzeuge der Herborner Feuerwehr an der Schadensstelle ein. Kräfte des DRK mit RTW, NAW und KTW sowie zwei private Rettungsdienste mit RTW und KTW begeben sich ebenfalls in das Einsatzgebiet. Die Besatzung des TLF 24/50 kann in der Erstphase des Einsatzes, unterstützt durch weitere Kräfte, auf der Straße liegende Verletzte und aus dem 1. Obergeschoss eines brennenden Gebäudes sechs weitere Menschen retten. Über eine Steckleiter wird eine 87-jährige Frau aus einem anderen Brandobjekt auf das Dach des angrenzenden Kaufhauses gebracht. Mehrere Häuser brennen, B-, C-Rohre und der Monitor des TLF 24/50 sind zur unmittelbaren Brandbekämpfung bzw. zum Schutz von noch nicht betroffenen im Einsatz. Erste Verstärkung bringen die Kräfte aus Dillenburg, die ebenfalls mehrere Rohre vornehmen. Anfänglich wird auch versucht, den brennenden Sattelzug mit Schaum abzudecken. Dies schlägt jedoch fehl, da wegen der großen Wärmeentwicklung und durch die Vertrümmerung der Straße keine geschlossene Schaumdecke ausgebracht werden kann. Die um 21.10 Uhr alarmierten Stadtteilfeuerwehren Herborns bauen an verschiedenen Objekten Löschangriffe auf. Der brennend durch das Abwassernetz fließende Treibstoff verteilt sich auf dem Fluss Dill in einer Ausdehnung von etwa 370 Metern. Durch die Flammen wurden der Uferbewuchs und zwei Pkw in Brand gesetzt. Bedingt durch die Strömung des Flusses wurde der Treibstoff aber nicht über die gesamte Wasseroberfläche verteilt, so dass für angrenzende Gebäude eine geringere Gefahr bestand als Augenscheinlich sichtbar. Verletzte Personen wurden in einem regelrechten Pendelverkehr in ein etwa 350 Meter entfernt liegendes Krankenhaus verbracht, wo über die weitere Verlegung der Patienten entschieden wurde. Schwerstverletzte wurden mit Hubschraubern in Spezialkliniken geflogen.
Einsatzphase 2 zwischen 21.27 Uhr und 24.00 Uhr
Wegen der Größe des Schadensausmaßes löst der Landrat des Lahn-Dill-Kreises um 21.27 Uhr Katastrophenalarm aus. Dies ermöglichte, dass neben den bereits im Einsatz befindlichen Kräften der Hilfsorganisationen weitere Sanitätskräfte aus dem Raum Gießen/Wetzlar anrückten, die dann aber größtenteils in Bereitschaft verblieben. Dies galt auch für Kräfte des THW, da die Brandbekämpfung noch nicht soweit fortgeschritten war, dass man mit den Such- und Bergungsarbeiten beginnen konnte. Gegen 21.40 Uhr wurde die Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main von der Rettungsflugwacht informiert und rückte nach Herborn aus. Gegen 21.57 Uhr konnte ein erstes Todesopfer geborgen werden. Im Zuge der Brandbekämpfung kam es vor allem darauf an, die sich in unmittelbarer nähe der brennenden Häuser befindlichen Gebäude zu schützen und den Schaden auf den Entstehungsbereich zu begrenzen. So wurden mit massiven Löschwassereinsatz von rund 500 Kubikmetern pro Stunde sowohl die Brandobjekte gelöscht, als auch die Wärmestrahlung auf die angrenzenden Gebäude gemildert. Zwei Einsatzschwerpunkte bildete man zu diesem Zweck. Messungen der Treibstoffdämpfe in der Kanalisation und im gesamten Schadensgebiet nahm ab 22.48 Uhr die Besatzung eines GW-Chemie vor. Zu deren Verstärkung erfolgte um 23.12 Uhr die Alarmierung des ABC-Zuges Lahn-Dill. Ab 23.00 Uhr setzte die zur Unterstützung der heimischen Feuerwehren eintreffende Berufsfeuerwehr Frankfurt am Main zwei Großtanklöschfahrzeuge und mehrere Sonderfahrzeuge ein. Etwa 250 Meter vom Schadensgebiet entfernt baute man die Einsatzleit- und Betreuungsstelle auf einem Parkplatz auf. 29 Verletzte waren zu diesem Zeitpunkt registriert, die Polizei gab zu diesem Zeitpunkt etwa 30 bis 50 Personen als Vermisst an. Kurz vor Mitternacht zeigten die Löschmaßnahmen soweit Erfolg, dass ein Übergreifen der Flammen auf angrenzende Objekte nicht mehr befürchtet werden musste.
Einsatzablauf am 2. Einsatztag
Um 00.17 Uhr sind die Brände im Umfeld des eingestürzten Gebäudes Nr. 109 (Hauptschadensstelle) soweit eingedämmt, dass mit den Such- und Bergungsarbeiten begonnen werden kann. Allerdings müssen immer wieder neu aufflackernde Brandnester abgelöscht werden. Zunächst werden zwei bereitstehende Autokräne eines Privatunternehmens eingesetzt, um den verunglückten Tanklastzug zu bergen. Zahlreiche Helfer mehrerer THW Ortsverbände beginnen vorsichtig mit dem Abtragen der Trümmer. Auch zwei Rettungshundestaffeln kommen zum Einsatz. Die fortlaufend durchgeführten Messungen im Schadensgebiet und im Kanalnetz ergeben auch noch gegen 03.00 Uhr ein explosionsfähiges Gas-Luft Gemisch, weshalb sich die Einsatzleitung zur Spülung des Kanalnetzes entschließt. Als Spitzenbedarf werden für die Maßnahmen 700 Kubikmeter Wasser pro Stunde benötigt. Nach einiger Zeit zeigen die eingeleiteten Maßnahmen Wirkung, die Konzentrationen gingen zurück, stiegen jedoch sofort wieder, wenn die Spülung nachließ. Die in den frühen Morgenstunden eingesetzten Rettungshundestaffeln ermittelten keine Hinweise auf noch unter den Trümmern liegende, lebende Personen. Trotzdem gingen die Such-, Bergungs- und Aufräumarbeiten mit äußerster Vorsicht weiter. Parallel zu diesen Arbeiten mussten immer wieder kleinere Brandnester in den umliegenden Gebäuden abgelöscht werden. Der Katastrophenalarm wurde um 13.00 Uhr aufgehoben. Kurze Zeit später wird ein weiteres Opfer aus den Trümmern geborgen. Gegen 19.22 Uhr nähern sich die Sucharbeiten dem Ende, alle Geschoßdecken sind aus dem Geröll entfernt. Um 21.42 Uhr meldet sich die letzte noch vermisste Person bei der Polizei, die Suche kann abgebrochen werden. Wiederaufflammende Glutnester und hohe Gas-Luft Gemische in der Kanalisation machten auch in den Folgetagen immer wieder den Einsatz der Feuerwehr Herborn notwendig. Zusätzlich wurde sie zur Absperrung der Einsatzstelle eingesetzt, nachdem die Bereitschaftspolizei die Einsatzörtlichkeit am 09.07. verlassen hatte.
Personen- und Sachschäden
Auf seiten der Bevölkerung sind durch unmittelbaren Einfluss des Unglücks zwei Todesopfer zu beklagen. Sie kamen durch Feuer bzw. durch eingestürzte Gebäude ums Leben. Weitere drei Menschen erlagen in den folgenden Tagen ihren schweren Brandverletzungen. Bedingt durch die Aufregung über den Unglücksfall starb eine 64-jährige Frau an Herzversagen. 38 zum Teil schwerstverletzte Personen wurden in Krankenhäuser eingeliefert oder ambulant behandelt. Viele der Patienten wiesen Schnittverletzungen durch Glassplitter auf, die im Augenblick der Explosion durch die Luft geschleudert wurden. Insgesamt acht Feuerwehrangehörige wurden während des Einsatzes verletzt, ebenso ein Rettungsdienstmitarbeiter. Mehrere Gebäude wurden so stark beschädigt, dass sie in den nachfolgenden Wochen angerissen werden mussten. Nach ersten Schätzungen lag der reine Gebäudeschaden bei rund zehn Millionen Mark, den Gesamtschaden schätzte man unmittelbar nach dem Unglück auf über 40 Millionen Mark. Das gerade bei spektakulären Feuerwehreinsätzen immer wiederkehrende Problem der Schaulustigen wurde durch den massiven Einsatz der hessischen Bereitschaftspolizei bzw. durch weiträumige Absperrmaßnahmen gut umgangen. Lediglich die manchmal unüberschaubare Anzahl an Rundfunk- und Pressejournalisten machte bei allzu großer Aufdringlichkeit energische Zurechtweisungen seitens der Ordnungskräfte notwendig. Durch die günstige Wetterlage konnten die Brandgase bzw. der Brandrauch nahezu senkrecht aufsteigen, ohne dass dadurch Belästigungen für die angrenzenden Wohngebiete auftraten. Anders verhielt es sich mit dem unverbrannten Treibstoff, der durch die Kanalisation und den Fluss Dill dem Klärwerk Edingen zufloss. Dort wurde er in ein leerstehendes Klärbecken geleitet und anschließend fachgerecht entsorgt.
